Veränderte Scheidungsverläufe – verändertes Scheidungsverhalten

Der vielfach prognostizierte Anstieg von Scheidungen auf Grund von Corona blieb jedenfalls auch im Corona-Jahr 2021 aus.  „Wir beobachten eine Verunsicherung auf Grund von Corona. Die ökonomisch sicheren familiären Strukturen werden höher geschätzt, dafür werden sozial-emotionale Defizite in Kauf genommen. Wenn Scheidung unausweichlich ist, dann soll es möglichst einvernehmlich gehen. Mit diesem Anliegen kommen oft Paare zu uns“, stellt die ISUV-Vorsitzende Melanie Ulbrich fest. Im Durchschnitt waren Scheidungspaare 14 Jahre und sechs Monate verheiratet.  Der Anteil der streitigen bis hochstreitigen langwierigen Scheidungen liegt weiterhin bei 17,6 Prozent. Von der Scheidung der Eltern sind 121800 minderjährige Kinder betroffen. „Die Kinder sind die eigentlichen Leidtragenden einer Scheidung. Für die Erwachsenen bedeutet die Trennung meist Chance zum Neuanfang“, hebt Ulbrich hervor.

„Unser Fokus ist auf das Kindeswohl gerichtet“, betont die stellvertretende ISUV-Vorsitzende, Rechtsanwältin Maren Waruschewski. „Als Anwalt erfahre ich immer wieder, Kinder erleben Scheidung der Eltern meist als schmerzlichen Einschnitt, den manche schwer verwinden, insbesondere wenn damit auch der Verlust eines Elternteils verbunden ist“, hebt Waruschewski hervor. Für Kinder bedeute Scheidung vielfach Armut, Schulversagen, Angst, Statusschock, Neuanfang in einer neuen Umgebung, Verlust von Freunden, emotionale Vernachlässigung, weil die Eltern mit sich selbst oder mit der neuen Partnerschaft beschäftigt sind. Waruschewski fordert deswegen: „Mehr Engagement für gemeinsame gelebte Elternschaft nach der Trennung seitens des Jugendamts, der Justiz und der Eltern ist notwendig. Es muss selbstverständlich sein, Eltern bleiben Eltern, nach Trennung Trennungseltern.“ 

Hintergrund der Scheidungszahlen sind grundlegende Veränderungen im Paarverhalten. „Es wird weniger geheiratet, daher gibt es auch weniger Scheidungen. Die häufigen Trennungen von unverheirateten Partnerschaften werden statistisch nicht erfasst. Wir beobachten im Verband, dass sich Scheidungsverläufe, Scheidungsverhalten und Scheidungskonflikte verändern“, stellt ISUV-Pressesprecher Josef Linsler fest. 

Grundsätzlich sei eine „Zunahme zu einvernehmlichen Regelungen“ festzustellen. „Hierzu leistet ISUV in den 70 Kontaktstellen mittels Coaching einen wichtigen Beitrag, indem die Aktiven mäßigend auf Betroffene einwirken und versuchen die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen“, hebt Linsler hervor und fährt fort:

„Immer häufiger erreichen wir, dass Betroffene sich einigen mittels Scheidungsvereinbarung. In der Regel gehen sie dann mit einem gemeinsamen Scheidungsanwalt zum Familiengericht.“ 

„Ein Thema ist immer kostengünstige Scheidung. Wenn schon die Beziehung gescheitert ist, dann möchte man dafür auch nicht noch zahlen müssen. Über die Scheidungskosten besteht ein indirekter Druck sich zu einigen.“ (Linsler). 

Die Statistik hat ein großes Defizit, es werden die Trennungen von nichtehelichen Lebensgemeinschaften nicht erfasst. „Hohes Konfliktpotential haben diese Trennungen, wenn kleine Kinder involviert sind, dem Vater der Umgang verweigert wird und die Mutter zum Kindesunterhalt noch Betreuungsunterhalt fordert. Dieses Konfliktfeld hat erheblich zugenommen entsprechend der Zunahme von nichtehelichen Lebensgemeinschaften“, stellt Waruschewski fest. 

Eine „besondere Problemgruppe“ – 22900 Paare in 2021 - sind die „Silbernen Scheidungen“, d. h. Paare lassen sich nach mehr als 25 Ehejahren und somit in fortgeschrittenem Alter scheiden. „Meist ist eine Scheidung der falsche Weg, eine Trennungsvereinbarung, die notariell abgesichert ist, reicht auch. Darin lassen sich die Nachteile einer Silbernen Scheidung ausschließen. Die Betroffenen können zudem Kosten sparen.“ (Linsler) 

Soziale Medien haben das Trennungs- und Scheidungsverhalten geradezu „revolutioniert“ und „verroht“. Nicht selten wird noch im sicheren Ehehafen auf Facebook oder in einem Dating Portal die Trennung vorbereitet, nach „Alternativen“ – nach „etwas Besserem“ - gesucht und auch „leicht“ gefunden. Trennungen vollziehen sich deswegen schneller und anonymer. „Es gibt völlig überraschende Trennungen per WhatsApp, Mail, teils nur ein Satz. Ein derartiges Verhalten zerstört das Urvertrauen des verlassenen Partners. Es gibt männliche und weibliche Mitglieder, die sich davon auch nach Jahren nicht erholt, einen gesunden Optimismus wiedergefunden haben und somit keinen Neuanfang wagen“, stellt Linsler fest.