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Wechselmodell – weil´s gut ist fürs Kind und die Eltern – Wechselmodell – Was ist das?

BUCHTIPP: „Wechselmodell: Psychologie –Recht – Praxis“ 

Wie der Titel schon andeutet, die Betreuungsform Wechselmodell – Kinder haben zwei „Zuhause und leben bei ihren Eltern abwechselnd“ – wird unter den Aspekten von Psychologie, Recht und Praxis vorgestellt, analysiert und bewertet. Das Buch gliedert sich eigentlich in zwei Hälften, – „Wechselmodell“, „Psychologie“, „Recht“, „Praxis“ – und in eine zweite Hälfte, hier „Anhang Psychologie“, „Anhang Recht“ und „Anhang Ausland“ genannt. Faktisch wird in diesen Teilen der Status quo der psychologischen Forschung bezüglich Wechselmodell dargestellt. Auf den Seiten 799 – 847 bekommt der Leser einen Überblick über den Status quo der Rechtsprechung – Bundesverfassungsgericht, Oberlandesgerichte, Amtsgerichte. Jedes Urteil wird unter den Aspekten „Sachverhalt, Betreuungssituation, Anträge, Verfahrensverlauf, Begründungen, Fazit, Anmerkungen“ analysiert und kurz skizziert. Der Schwerpunkt des Buches – 670 Seiten – liegt allerdings auf den ersten vier „Teilen“.

In Teil 1 wird das Wechselmodell definiert, die Voraussetzungen für diese Betreuungsform – Wohnortnähe, Alter des Kindes, Elternverhalten-  dargestellt. Des Weiteren werden die „Widerstände gegen das Wechselmodell“ in Deutschland (189 ff.) analysiert. Die Autorin kommt zu dem Fazit, die Widerstände gegen das Wechselmodell sind bedingt durch „kulturelle Traditionen, Fehlinterpretation psychologischer Konzepte“ und insbesondere unter Anwälten/innen und Richtern/innen durch „professionstypische Sicht auf Trennungskonflikte“. Am Schluss von Teil 1 wird auf das Ausland verwiesen, wo das Wechselmodell inzwischen etabliert ist.

In Teil 2 wird der psychologische Aspekt zum Wechselmodell aufgegriffen. Professor jur. Hildegund Sünderhauf greift zuerst auf die gesicherten Ergebnisse der Scheidungsfolgenforschung zurück und weist dann nach, dass das Wechselmodell dem Kindeswohl am meisten entspricht. Sie fordert deswegen Eltern, Richter/innen, Anwälte/innen und Gutachter/innen das Wechselmodell bei ihren Überlegungen zu berücksichtigen und von Vorurteilen abzulassen (368). Der Gesetzgeber kann diesem Paradigmenwechsel im Denken und Handeln einen Impuls geben, wenn er das Wechselmodell als Umgangsform im Gesetz verankert.

Teil 3 befasst sich mit dem juristischen Aspekt des Wechselmodells. Anhand von Urteilen stellt sie Argumentationsmuster von Oberlandesgerichten zum Wechselmodell dar. In einen Zwischenfazit stellt die Autorin fest: „Die Rechtsprechung macht das Wechselmodell in manchen Entscheidungen von der Zustimmung beider Eltern abhängig, in anderen Entscheidungen nicht. …Zustimmung beider Elternteile ist, wenn sie vorliegt, für das Gelingen eines Wechselmodells sehr erfreulich, jedoch nicht Voraussetzung.“ Die Juristin Sünderhauf weist nach, dass das Wechselmodell in manchen Bereichen durchaus praktiziert werden kann: „dies erfordert jedoch eine „wechselmodellfreundlichere“ Auslegung mancher Vorschriften.“ (588) Die Autorin appelliert an den Gesetzgeber das Recht in den Bereichen elterliche Sorge, Unterhaltsrecht und Melderecht den Erfordernissen eines Wechselmodells anzupassen (589).

In Teil 4 wird  „Umsetzungshilfe“ gegeben, gerade dieser Teil ist für betroffene Eltern besonders lesenswert. Die Autorin gibt aus der Perspektive von Eltern und Kindern Entscheidungshilfen. Sie greift Vorteile, Nachteile und Bedenken zum Wechselmodell auf. Des Weiteren geht sie auf adäquate „Wechselfrequenzen“ ein, die für einen „Betreuungsplan“ sehr wichtig sind. Ebenso werden Hinweise und Tipps für die Regelung der Ferien, der Feiertage, der Geburtstage, der „Entscheidungen von erheblicher Bedeutung“,  den „Alltagsentscheidungen“ und den Umgang mit Stressthemen gegeben. Natürlich werden auch unterhaltsrechtliche Fragen angesprochen (649 ff.), wie Kindergeldbezug, Kostenaufteilung, Alltagskosten, Unterhaltsfestlegung und Freistellung von Unterhaltsansprüchen. Als Ergebnis von Beratung, Mediation und familienrechtlicher Auseinandersetzung sollte eine „Wechselmodellvereinbarung“ stehen (661).

Fazit: Die Autorin Hildegund Sünderhauf legt ein 917 Seiten umfassendes Buch vor, das sich an eine breite Leserschaft wendet – und sie sicher auch anspricht: Experten/innen, die familienrechtliche Fragen zu beurteilen, zu klären und zu entscheiden haben, Politiker/innen, betroffene Eltern, die das Wechselmodell schon praktizieren und bestätigt werden wollen.

Insbesondere aber sollten alle Eltern, die von Trennung und Scheidung betroffen sind, dieses Buch zumindest einmal anlesen, um zu überlegen, ob sie zum Wohle der Kinder nicht auch das Wechselmodell praktizieren wollen und können. Das Buch ist für sie ein exzellenter Ratgeber und Ferment für ein Brainstorming: Kann ich, soll ich ein Wechselmodell probieren? Sie erfahren darin ganz praktisch, was Eltern beim Wechselmodell beachten müssen. Sie bekommen eine klare Zielsetzung – Wechselmodellvereinbarung. Wie eine derartige Vereinbarung aussehen kann, was geregelt und berücksichtigt werden soll, dafür wird schließlich ein Formular geliefert (660 ff.).

Das Buch gefällt durch seine Anschaulichkeit – Schaubilder, Statistiken, Überblicke – durch verständliche Sprache – nicht der in juristischen Büchern übliche Fachjargon, Fachbegriffe werden verständlich erläutert. Das Layout ist gefällig. Durch die vielen kurzen präzisen Zusammenfassungen am Schluss eines jeden auch kurzen thematischen Aspekts kann der Leser sich schnell und überblicksartig informieren, anhand der zwölfseitigen Gliederung kann er gezielt auf die ihn interessierenden Aspekte zugreifen. Ein gelungenes Buch, das sich nicht im Glasperlenspiel wissenschaftlicher Begriffe austobt, sondern angenehm praktisch ist. Deswegen kann es für manche betroffenen Eltern auch Hilfe zur Selbsthilfe sein.

Hildegund Sünderhauf, Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, 79 EURO

JL

04.09.2013 - Kategorie Neuigkeiten

Autor: Josef Linsler

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