Studie „Umgang und Kindeswohl“ – „Petra Studie“ - Wie unabhängig, wie wissenschaftlich ist die Studie noch, wie kann man seriöse Glaubwürdigkeit der Ergebnisse schaffen?

Junge schaut traurig aus dem Fenster
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Die Petra-Studie hat eine herausragende Bedeutung erlangt, weil sich Gegner und Befürworter des Wechselmodells Argumente für eine entsprechende Reform des Familienrechts erwarteten – und weiterhin erwarten. „Man kann über Methodik, über die Vorgaben, über die Notwendigkeit eines Beirats streiten. Was wir kritisieren ist die mangelnde Transparenz über die Aktivitäten des Beirats, den Mangel an Öffentlichkeit und die Verzögerung der Bekanntgabe der Ergebnisse. Die Studie ist in Misskredit geraten, hat jetzt schon Glaubwürdigkeitsdefizite. Diese werden nicht weniger durch die Ernennung von Professor Sabine Walper, die nun für schnelle Veröffentlichung sorgen soll“, kritisiert der ISUV-Vorsitzende, Rechtsanwalt Klaus Zimmer.

Hintergründe:

Die Studie wurde 2015 an Professor Franz Petermann, Universität Bremen vergeben. Die Durchführung oblag dem „Projekt  PETRA“ eine Einrichtung, die Erfahrung in Kinder-, Jugend-, Erziehungs- und Familienhilfe hat. Die Umsetzung und Koordination oblag von Anfang an Dr. Stefan Rücker. Spätestens seit 2018 oblag die Ausarbeitung der Studie ausschließlich ihm, da Professor Petermann schwer erkrankte und im August 2019 verstarb.

Von Anfang an wurde der Studie ein „wissenschaftlicher Beirat“ beigeordnet, dessen Besetzung an einen Rundfunkrat erinnert: vier Vertreterinnen des Familienministeriums, vier Parteienvertreter, VertreterInnen von Jugendamt und Jugendhilfe sowie Prof. Hildegund Sünderhauf und Prof. Sabine Walper. „Mit der Schaffung eines Beirats war die Unabhängigkeit der Studie zumindest angezählt. Die Geheimniskrämerei des Familienministeriums bezüglich Zusammensetzung war zudem nicht vertrauensbildend“, kritisiert ISUV-Pressesprecher Josef Linsler.

Fakt ist, dass nicht alle Mitglieder des Beirats sich durch wissenschaftliche Legitimation ausweisen. Fakt ist, das ergaben ISUV-Recherchen über die Jahre, im Beirat kam es zu heftigen Diskursen und Unterstellungen. Direkt von ISUV darauf angesprochen, ob es über den Beirat zu Beeinflussung gekommen sei, antwortete Professor Petermann bei einem seiner letzten Auftritte: „Ja, das wurde versucht, aber ich lasse mir von denen nicht meinen Ruf als unabhängiger Wissenschaftler kaputt machen.“

Zudem gab es immer wieder Kritik an der Methodik der Studie, da strittige Familienkonstellationen im Zusammenhang mit Trennung und Scheidung ausgeklammert würden.

Angeblich liegen die Ergebnisse schon vor und werden nicht veröffentlicht, weil sie nicht in den politischen Erwartungshorizont passen. Von Seiten der Frauenverbände kam der Vorwurf, die Studie sei „väterlastig“, Väterverbände sehen das genau umgekehrt. „Ich maße mir nicht an Methodik und Wissenschaftlichkeit einer Studie zu beurteilen. Um was es jetzt geht, ist die Unabhängigkeit einer Studie zu sichern, die, das zeigen die Nachfragen der Mitglieder, offensichtlich für viele wichtig ist“, hebt ISUV-Vorsitzender Zimmer hervor.

Fragen & Kritik

Es verwundert sehr, dass nun Professor Walper die Endredaktion der Studie und der offensichtlich vorliegenden Ergebnisse übertragen wird. Schließlich ist sie stellvertretende Direktorin des Deutschen Jugendinstituts, einer wissenschaftlichen Einrichtung, die hauptsächlich vom Familienministerium finanziert wird und forschungsmäßig eng mit dem Ministerium verbunden ist. Verschiedene offizielle Berichte zu Familie und Kindern werden dort erstellt. Walper saß im Beirat der Studie und hatte sich auch schon anfangs für die Durchführung der Studie beworben.

Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen:

  • Warum führt Dr. Stefan Rücker die Studie nicht weiter und stellt „seine“ Ergebnisse vor?

  • Hat er die Zahlen/Befragungen „falsch“ interpretiert und Professor Walper soll es jetzt richten? – Die Meinungen im Netz sind eindeutig, von „Manipulation“ und „Mauschelei“ ist die Rede.

  • Warum dieser Mangel an Transparenz? „Man hat ein Chance vertan“, meint Pressesprecher Linsler. Seitens des Ministeriums – aber auch durch die Abgeordneten im Beirat - hätte man begleitend zur Studie breite gesellschaftliche Diskussionen über Kindeswohl, Trennung und Scheidung, Trennungsfamilien, Alleinerziehen anstoßen, für Ergebnisse sensibilisieren können. Stattdessen die „verdächtige Geheimniskrämerei“ um die Studie: „Warum eigentlich, aus Mangel an pluralistischer Offenheit oder weil sich Frauen- und Familienministerium nicht unter einen Hut bringen lassen? Oder ist es gar so wie in Foren behauptet, das Ministerium, wenn es um Abwägung von Interessen geht, primär Frauen- als Familienministerium ist?“ (Linsler).

  • Hat Sabine Walper nun die vertrackte Aufgabe, die von Stefan Rücker erarbeiteten Ergebnisse „gendergemäß“ zu interpretieren und zu editieren? Im Netz ist man sich darüber einig, dass es so ist.

  • Was sind die Ergebnisse einer ursprünglich als unabhängig geplanten Studie noch wert, in deren Ergebnisse nun für jedermann offensichtlich eingegriffen wird?

  • Wie lässt sich die Glaubwürdigkeit der Studie noch retten, beziehungsweise wiederherstellen?

     „Es bedarf eines mutigen Schrittes seitens des Familienministeriums: Stefan Rücker stellt die Studie fertig, die Endredaktion erfolgt durch ihn, Professor Sabine Walper und Professor Hildegund Sünderhauf. Beide Professorinnen saßen im Beirat, beide sind mit der Thematik bestens vertraut. Durch die unterschiedlichen Standpunkte der Professorinnen – Walper ausgewiesene Frauenrechtlerin, Sünderhauf Vorreiterin des Wechselmodells - entstehen Transparenz, pluralistischer Meinungsausgleich und somit Glaubwürdigkeit“, fordert Linsler. Ohne entsprechende „pluralistische Transparenz“ sei die Studie  „wissenschaftliche Makulatur“.