Darum brauchen wir endlich eine Reform des Kindesunterhaltsrechts – jetzt!

Der folgende Fall steht für viele – ja, viele – andere von Mitgliedern, die uns immer wieder gemeldet werden. Zum folgenden Fall recherchieren wir seit über drei Jahren. Wir kennen die Seelenlage der Betroffenen, aber genauso die Anwaltsschreiben, die Gerichtsakten, Schreiben von diversen Ämtern. Wir lassen den Betroffenen zu Wort kommen und weisen dann auf „Schwachstellen“, „Ungerechtigkeiten“ hin.

Ein Mitglied schildert uns folgenden Fall:

Ausgangssituation – Betreuung – Umgang - Zeitmanagement

"Ich bin ehrlich gesagt verzweifelt. Seit Juli 2017 leben meine beiden Kinder nahezu hälftig bei mir. Sie kamen dienstags nach der Schule und blieben bis Sonntagabend 19 Uhr. Die Ferien verbrachten sie immer hälftig bei mir und hälftig bei der Mutter. Mein Betreuungsumfang lag somit deutlich über 40% aufs Jahr gesehen. Gerne wollte ich die Kinder mehr bei mir haben und die Kinder wollten auch mehr zu mir. Ich suchte immer wieder das Gespräch mit der Mutter, aber diese verweigerte Gespräche darüber.

Im Januar 2018 beantragte meine Exfrau vor Gericht, dass die Kinder nur noch wochenendweise bei mir sein sollten. Dies entsprach weder dem Wunsch der Kinder, noch meinem. In diesem Gerichtsverfahren stellte die Gutachterin fest, dass die beste Lösung für die Kinder sei, hälftig bei beiden Elternteilen bzw. sogar mehr beim Vater zu leben.

Mit Beschluss vom November 2018 entschied das Gericht, dass mein Sohn nun von Dienstag nach der Schule bis zum Montag der Folgewoche bei mir verbleiben sollte. Die Ferien wurden hälftig zwischen den Eltern aufgeteilt. Dies ergibt auf ein Kalenderjahr gesehen einen Betreuungsumfang von 48% für meinen Sohn.

Für meine Tochter entschied das Amtsgericht einen Umgang von Dienstag nach der Schule bis Samstagabend 19 Uhr. Die Ferien wurden auch hier hälftig aufgeteilt. Abgesehen von den Ferien habe ich keinen vollständigen freien Tag zusammen mit meiner Tochter. Unser Umgang besteht fast ausschließlich aus Alltag, Schule, Arbeit, Hausaufgaben. Jedes Kinderwochenende ist wegen der Rückgabe meiner Tochter gestört, ja zerstört. Entspannte gemeinsame Familienabende mit beiden Kindern sind nicht möglich. Aufs Jahr gesehen ergibt sich ein Betreuungsumfang von 39 % für meine Tochter, für den ich – abgesehen von der unsinnigen Regelung, sie Samstagabend zurückbringen zu müssen - sehr dankbar bin.

 

Ich habe meine Arbeitszeiten so angepasst, dass ich in der Woche, in welcher die Kinder da sind, lediglich 30 Stunden oder weniger arbeite, um bereits am Nachmittag ab 14:30 Uhr Zeit für die Beiden zu haben. Ich unterstütze meine Kinder bei Schulsachen, fahre sie zu ihren Hobbies, bezahle auch diese Hobbies, ich kümmere mich um Zahnarztbesuche und bin bei allen schulischen Veranstaltungen wie Elternversammlungen, Schulfesten usw. anwesend. In der anderen Woche arbeite ich dafür 50 bis 55 Stunden, um weiterhin das Gehalt einer Vollzeitstelle zu beziehen und meinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können.

Getrennt, aber gemeinsam erziehen: Faktisch „Wechselmodell“ – juristisch nicht


Ich beantragte ein Wechselmodell, was wir faktisch auch praktizierten. Aber aus den üblichen – ja leichtfertigen - Gründen entschied das Amtsgericht jedoch, dass es kein Wechselmodell geben kann, da die Kommunikation der Eltern nicht funktioniert.

Dass diese Kommunikation aber nur seitens der Mutter abgelehnt wird, wurde dabei ausgeblendet. Im Gegenteil, das Gericht unterstellte mir als Vater immer wieder in spitzen Bemerkungen, dass es mir nur ums Geld ginge. Die Mutter hingegen sagte aus, dass es ihr keineswegs ums Geld ginge und sie auch nicht darauf angewiesen sei. Geglaubt – oder besser entschieden - wird ganz traditionell im Sinne der Mutter.

 

Das Gericht begründete das Urteil auch damit, dass Streitigkeiten zwecks Unterhalt und Zuständigkeiten für die Versorgung der Kinder vermieden werden sollen. Was das Gericht dabei aber nicht berücksichtigte, waren meine Einwände, dass die Mutter seit jeher den von mir gezahlten Kindsunterhalt - jeweils 100% gemäß Düsseldorfer Tabelle nicht für die Kinder einsetzte: Die Kinder tragen nie neue Kleider, die Kinder bekommen Kleidung von Wühltischen, sie fährt nie mit den Kindern in Urlaub, sondern allein mit dem Lebensgefährten, viel Geld wird auch aufgewendet für teure Beauty-Aktionen und Events.

Ich dagegen muss doppelt für die Kinder aufkommen - Unterhalt an die Mutter und Versorgung bei mir. Die Mutter hat Themen wie Kauf von Schuhen, Winterjacken oder vergleichbar teuren Ausgaben immer „ausgesessen“. Damit meine Kinder aber witterungsgerecht das Haus verlassen konnten, habe ich diese Kleidung dann regelmäßig zusätzlich gekauft und auch mit zur Mutter gegeben. Das habe ich auch mehrfach beim Jugendamt vorgetragen. Dort wurde ich belehrt: Die Mutter müsse einem derartigen Kauf zustimmen, so dass er unterhaltsrelevant sei. Das stimmt, das hatte sie nicht, aber auf meine diversen Bitten den Kindern witterungsgerechte Kleidung zu kaufen, hatte sie nicht reagiert und dies macht sie bis heute nicht. Als ich dem Jugendamt den Schriftverkehr mit der Mutter vorlegte, erhielt ich folgende Antwort: „Der Schriftverkehr kann aus Datenschutzgründen nicht berücksichtigt werden.“

Was macht das mit mir und den Kindern?

Ehrlich gesagt habe ich den Glauben an Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung von Vätern im Familienrecht verloren. Ich möchte mich mehr um meine Kinder kümmern und darf es nicht, weil ein Gericht die Rechtsprechung entsprechend auslegt und es offensichtlich nicht gewollt ist, dass Väter sich einbringen. Wie es aber den Kindern damit geht, scheint niemanden zu interessieren.

Sowohl beim Umgang also auch beim Thema Unterhalt scheint es sich immer nur darum zu drehen, was die Mutter will und für richtig hält. Was Väter vorbringen oder Kinder sich wünschen, scheint unsere Gerichte und Jugendämter nicht zu interessieren. Nicht einmal ein psychologisches Gutachten kann ein Gericht von dieser festgesetzten Meinung abbringen.

Meine Exfrau hat inzwischen beide Kinder beim Psychiater angemeldet. Wie ich erfahren habe, rebelliert mein Sohn bei ihr und zeigt auffälliges Verhalten, meine Tochter scheint verstummt zu sein.

In den Augen der Mutter ist der Schuldige schnell gefunden, es muss der Vater sein. Den Kindern ginge es immer schlecht, wenn sie von mir kämen, Umgang mit mir tue ihnen nicht gut. Da unsere Zeit zusammen sehr gelassen und harmonisch ist, bin ich bei den Erzählungen meiner Exfrau über das Verhalten unseres Sohnes aus allen Wolken gefallen. Dass die Kinder sich einfach wohler bei mir fühlen könnten und bis heute nicht verstehen, wieso sie nicht mehr zum Vater dürfen, ist ein Gedanke, den sie leider nicht in Erwägung ziehen will oder kann. Was verständlich ist, da es schmerzt.

Alle meine Bitten um Gespräche mit ihr, um das Problem zwischen uns Eltern zu klären, lehnte sie ab. Selbst die Hilfeplangespräche beim Jugendamt hat sie abgebrochen, als der Umgangsbeschluss des Gerichts erfolgte. Seitens des Jugendamtes wurde uns mitgeteilt, dass das eigentliche Problem auch weiterhin zwischen uns Eltern liegt und die Kinder darunter am stärksten litten.

Über vier Monate habe ich das Jugendamt immer wieder um Gespräche gebeten, um zu vermitteln. Immer wieder wurde mir mitgeteilt, dass man die Mutter zu keinen gemeinsamen Gesprächen zwingen kann. Diese Aussage hilft aber weder den Kindern noch mir. Ich werde mit der Problematik, also allein gelassen.

Keine Kooperation, aber mehr Kindesunterhalt

Stattdessen habe ich nun zwei Jahre nachdem ich Post zwecks Umgangsverfahren vom Gericht erhalten hatte, erneut Post vom Gericht erhalten und diesmal geht es um den Unterhalt. Laut Forderung soll ich nun für den Zeitraum seit 07/2017 bis heute mehrere tausend Euro Unterhalt nachzahlen und überhaupt statt 100% Unterhalt wie bisher, nun sogar 138% Unterhalt - Stufe 6 Düsseldorfer Tabelle - zahlen. In Zahlen ausgedrückt, ich soll 17.000 EURO nachzahlen !

Ich habe heute eine finanzielle Belastung für die Kinder von insgesamt 1.108 Euro - Unterhalt an die Kindsmutter und tatsächlich anfallende Kosten. Die Mutter hingegen hat sogar heute schon einen Überschuss von 392 Euro und verlangt nun noch mehr.

Die Kernfrage, die sich hier Gerichte, Ämter und die Politik stellen müssen, lautet: Wie soll die Versorgung der Kinder im Haushalt des Unterhaltzahlenden, in Fällen wie meinen, sichergestellt werden?

 

 

Dass die Verteilung der finanziellen Mittel nicht zum tatsächlichen Betreuungsaufwand passt, ist wohl offensichtlich. In unserem Fall ist das jeweilige Einkommen der beiden Elternteile annähernd gleich ist. Dies zeigt deutlich, dass die heutige Rechtsprechung versagt und Väter bzw. Unterhaltzahlende massiv benachteiligt werden. Ich finde es erschreckend, dass dies als billig und recht erklärt wird. Ich frage mich, wie ein Anwalt meiner Exfrau überhaupt zu diesem Vorgehen raten kann. Dieser Antrag entspricht nicht den realen Unterhalts- und Betreuungsverhältnissen. Wie die Versorgung bei mir als Vater dann noch funktionieren soll, konnte mir bisher niemand erklären. Ich bin heute der Auffassung: Fälle werden einfach nach Schema F „abgeurteilt“, die reale Betreuungs- und Unterhaltssituation wird ausgeblendet. Das Kindeswohl und der Kindeswille bleibt auf der Strecke. Väter haben vor Gericht schlechte Karten, erst recht dann, wenn sie betreuen: Nach heutigem Recht zahlen sie doppelt: Kindesunterhalt an die Mutter und die Aufwendungen für Kinder, wenn sie betreuen. Betreuungsleistungen von Vätern – das weiß ich von Bekannten - werden ignoriert. Eine Reform des Kindesunterhaltsrechts ist notwendig.

Mitglied M.P*

*Der Name des Mitglieds ist uns bekannt. Grundsätzlich nennen wir keine Realnamen, wenn Verfahren laufen. Wir wollen auch niemanden an den Pranger stellen, es geht uns um Information, Darstellung von Sachverhalten, Kritik an juristischen Defiziten.

 

 

Neue Wege im Kindesunterhaltsrecht

Stellungnahme des ISUV zum geschilderten Fall

Was muss sich ändern – was muss eine Reform des Kindesunterhaltsrechts berücksichtigen – welche neuen Wege sollten eingeschlagen werden?

Anhand dieses typischen Falles zeigt sich, der Grundsatz einer betreut, einer bezahlt, hat sich überlebt. Dieser Grundsatz ist ohne Wenn und Aber zu ersetzen. Gelebte Wirklichkeit ist heute mal mehr mal weniger, beide betreuen, entsprechend haben auch beide Unterhalt zu leisten. Es ist grundsätzlich ungerecht, wenn ein Elternteil einen hohen Prozentanteil der Betreuung leistet, aber gleichzeitig weiterhin vollen Kindesunterhalt nach der Düsseldorfer Tabelle leisten muss. Dies muss eine Reform des Kindesunterhaltsrechtes vordringlich berücksichtigen und entsprechend verändern.

Ausgangspunkt des Kinesunterhaltsrechts war und ist wohl auch weiterhin die Gleichwertigkeit von Betreuen und Bezahlen. Dagegen gibt es allerdings Kritik, Berufstätigkeit, Geldverdienen wird als schwieriger, aufwendiger und entsprechend „höherwertiger“ angesehen als Betreuen, das als mehr informell, spontan und entsprechend befriedigender gilt. – Konsequent zu Ende gedacht führt ein Abweichen vom Gleichwertigkeits-Grundsatz in Bezug auf Reform des Kindesunterhalts auf Abwege.

Gleichwertigkeit von Betreuen und Bezahlen bedeutet strukturell, wer weniger betreut, bezahlt mehr und umgekehrt. Wieviel gezahlt werden muss, sollte weiterhin eine Tabelle – Düsseldorfer Tabelle - regeln, so dass die Eltern ein Richtmaß haben. In der Praxis zeigt sich nämlich, Eltern orientieren sich zuerst an der Düsseldorfer Tabelle. Wollen sie sich einvernehmlich trennen und entwickeln selbst ein Gefühl für Gerechtigkeit, so wird der entsprechende Tabellenbetrag nicht selten unterschritten, manchmal wird auch mehr gezahlt. Können sich Eltern nicht einigen, so treibt die Anwältin die entsprechenden Tabellenbeträge ein, unabhängig davon, ob das gerecht oder ungerecht ist, wie obiges Fallbeispiel deutlich zeigt.

Die „Tabelle“ sollte allerdings nicht, wie jetzt die Düsseldorfer Tabelle, quasi Gesetzeskraft haben. Der Staat darf zumindest nicht grundlegende sozialpolitische Entscheidungen den Richtern überlassen. Vielmehr muss die Politik das Existenzminimum für Kinder und Unterhaltspflichtige festsetzen, d.h. Mindestunterhalt und der notwendiger Eigenbedarf – Selbstbehalt – sollten unter sozialpolitischen Vorzeichen vom Staat festgesetzt und zwecks Transparenz für einen längeren Zeitraum geplant und entsprechend transparent gemacht werden.

In der Diskussion und Umsetzung einer realitätsnahen Reform des Kindesunterhaltsrechts stellen sich zwei Kernfragen: Wie kann man Betreuung „messen“? Wie kann eine gerechte Aufteilung von Unterhalt zwischen den Eltern erfolgen?


Soll der Anteil an Betreuung rein quantitativ oder doch stärker qualitativ „berechnet“ werden? In der Praxis heißt das, welcher Elternteil betreut das Kind „mehr“? Ist es der, der es um 14 Uhr von der Schule abholt, mit ihm Hausaufgaben macht, es zum Sport bringt, anschließend mit ihm zu Abend isst und es um 20 Uhr zum anderen Elternteil bringt, also sechs Stunden betreut? Oder ist es der Elternteil, bei dem das Kind übernachtet und der es nach dem Frühstück zu Schule bringt, also es 12 Stunden betreut?- Diese Frage stellt sich auch im skizzierten Fall, sie führt oft zu Diskussionen zwischen den Elternteilen. Konsens sollte darin bestehen, dass Betreuung mehr ist als das Ableisten und Zählen von Stunden. Betreuung, das muss von beiden Seiten auch Alltag mit den Kindern, Beteiligung an Sozialisation und Enkulturation sein.

Hauptstreitpunkt ist meist, wer hat wie viel Unterhalt zu zahlen? Wenn beide Ehe-malige mediativ miteinander verhandeln, kommt oft eine schnelle und gerechte individuelle Aufteilung des Kindesunterhalts zustande. Grundlage einer gerechten Lösung ist immer, dass beide sich in die Sitution des Anderen versetzen, seinen Bedarf und seine Leistung als Elternteil akzeptieren. Beim Kindesunterhalt darf es nicht darum gehen, dass einer „Gewinn“ macht, wie im Beispielfall die Mutter. Kindesunterhalt ist Unterhalt für die Kinder – und nicht Einkommen eines Elternteils. Das gegenwärtige Unterhaltsrecht fördert ungerechte Lösungen, auch das veranschaulicht unser Fallbeispiel. Sobald ein Elternteil – 55 Prozent Betreuungsanteil reichen - darauf besteht, „ich will das, was mir zusteht“, wird es ungerecht, er kann „Gewinn“ für sich machen, sein Einkommen erhöhen.- Das empfinden Unterhaltspflichtige zurecht als grob ungerecht.

In mediativen Verhandlungen zwischen den Beteiligten wird dagegen nicht über den Grundsatz gestritten: Wer mehr verdient, muss auch mehr Kindesunterhalt zahlen, dies wird als gerecht empfunden, insbesondere beim Kindesunterhalt. Allerdings darf die Nivellierung nicht so weit gehen, dass einer der Ehe-maligen mehr arbeitet und den anderen zu alimentieren hat. Es besteht der Grundsatz der Erwerbsobliegenheit für beide Elternteile.

Eine Reform des Kindesunterhaltsrechts sollte neue Weg aufgreifen. Warum kann der Kindesunterhalt nicht zwischen den Ehe-maligen selbst ausgehandelt werden, als Orientierung haben sie doch eine Tabelle, die eine Richtgröße festlegt? Warum müssen Anwältinnen, hinter denen sich beide Partner jeweils „verschanzen“, den Unterhalt eintreiben? Wenn es ums Kindeswohl geht – und Kindesunterhalt trägt zum Kindeswohl bei – sind die Eltern, ihre Sichtweisen, Wert- und Konsumvorstellungen gefragt und nicht abstrakte Paragraphen. Danach bestimmt sich letztlich auch die Höhe des Unterhalts.

Unterhaltspflichtige klagen, dass der Kindesunterhalt gemäß Tabelle zu hoch ist, Unterhaltsberechtigten ist er immer zu niedrig. Warum eigentlich nicht ein Kinderkonto einrichten, auf dem Kindergeld und Kindesunterhalt eingehen, auf das beide Eltern Zugriff haben? Einzahlungen und Ausgaben werden transparent. Erfahrungen zeigen, ein Kinderkonto fördert Konsumdisziplin, Kleider, Skiausrüstungen, Fahrräder, langlebige Konsumgüter werden von beiden Eltern gekauft, gehören den Kindern und werden von ihnen bei beiden Elternteilen genutzt. Wie unser Beispielfall zeigt, einer kann sich nicht mehr davor drücken, vernünftige Kleider zu kaufen, weil die Kleider gemeinsam über das Kinderkonto gekauft werden. Um Mehrbedarf, Sonderbedarf muss nicht mehr gestritten werden, sondern er wird vom Kinderkonto abgebucht. Darüber hinaus haben Erfahrungen mit dem Kinderkonto gezeigt, dass es integrierend und befriedend wirkt.

Eine Reform des Kindesunterhaltsrechts wird und muss auch die Einstellung gegenüber Unterhaltspflichtigen ändern. Unterhaltspflichtige haben mehr Respekt und Anerkennung verdient. Es ist polemisch, wenn Vätern – wie im obigen Fall - einseitig unterstellt wird, dass es ihnen „nur ums Geld“ und nicht um die Kinder geht. Derartige Polemik von Richterinnen/ern, aber auch in Schriftsätzen von Anwälten lässt Zweifel an ihrer Unabhängigkeit und Sachlichkeit aufkommen.

Hand aufs Herz, was für ein dämliches Argument: „Denen geht es doch nur ums Geld.“ Klar geht es „denen“ – gemeint sind primär „die Väter“ – ums Geld, schließlich muss das Geld von vielen hart erarbeitet werden, bevor es auf das Konto der meist unterhaltsberechtigten Mutter überwiesen werden kann.

„Du zahlst, aber dein Kind siehst du nicht“, diese Ankündigung ist einigen Unterhaltspflichtigen nicht unbekannt. Der Respekt gegenüber Unterhaltspflichtigen zeigt sich auch darin, indem folgende Auffassung revidiert wird: Unterhalt und elterliche Sorge haben nichts miteinander zu tun. Das suggeriert diese Regelung Unterhaltspflichtigen, was ist die Botschaft: „Du hast zu zahlen und ansonsten deine Klappe zu halten!“ Das suggeriert diese Regelung beim Unterhaltsberechtigten: „Egal was ich mache, ob er die Kinder sieht oder nicht, er muss zahlen.“

Bei einer Reform des Kindesunterhalts sollte dieses Gerechtigkeitsgap unbedingt geschlossen werden. Der Grundsatz, wer Unterhalt zahlt, hat ebenso Anspruch auf Umgang mit dem Kind, muss nachhaltig verfolgt werden. Unterhalt und Umgang/elterliche Sorge sollten immer gemeinsam verhandelt und entsprechend in einem Beschluss zusammengefasst werden, entsprechend der Maxime: Beide betreuen, beide zahlen. Im Übrigen ist diese Regelung auch ein Signal gegen Umgangsverweigerung.


Angekündigte Reform des Unterhaltsrechts

Eine Reform des Sorge- und Umgangsrechts sowie des Kindesunterhaltsrechts wird schon seit Jahren unter verschiedenen Justizministern/Innen angekündigt. Allerdings verdrängten andere Schwerpunkte, „aktuellere Tagesthemen“ und entsprechende Projekte sowie mehrere Ministerwechsel die Reform. Immer wieder wurde und wird aufgeschoben. Das ist für Unterhaltspflichtige, die sich von der Reform zurecht mehr Gerechtigkeit erwarten können, sehr unbefriedigend. Status quo ist, alle Parteien warten auf einen Referentenentwurf. Dazu wollen sie dann Stellung nehmen.

Es soll ein Reformvorschlag ausgearbeitet werden, der auch das Sorge- und Umgangsrecht neu regelt. Primär soll seitens der Union das Kindesunterhaltsrecht neu gestaltet werden. Offensichtlich ist der Meinungsbildungsprozess intern noch nicht abgeschlossen. Ursprünglich war der Entwurf schon für Februar 2020 geplant. Rahmen der Reform ist das Thesenpapier einer Expertenarbeitsgruppe, siehe hierzu Report 162, S. 11 und im Downloadbereich der ISUV-Homepage. Diese Thesen wurden teilweise heftig kritisiert. Mit dieser Kritik setzt man sich offensichtlich jetzt auseinander. Erfahrungen und Regelungen im Ausland sollen im Reformvorschlag miteinbezogen werden.

Bekanntlich haben sich Justizministerin Lambrecht und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) aus dem Fenster gelehnt und deutlich gemacht, dass stärkeres Engagement der Väter bei der Betreuung sich auch beim Kindesunterhalt auswirken muss. Allerdings bekamen sie deswegen heftige Kritik seitens der starken Frauenlobby, die zwar pflichtgemäß das erhebliche Plus der Väter bei der Betreuung mitnimmt, aber nicht zum Unterhalt beitragen will, weil man sich erst wieder in die Berufswelt eingliedern müsse. Fakt ist, dass heute schon 85 Prozent der Mütter arbeiten müssen, wir sehen das an unseren weiblichen Mitgliedern. Verzögert sich der Referentenentwurf noch bis in den Sommer hinein, so wird es allein zeitlich eng, wenn die Reform – zumindest die Reform des Kindesunterhaltsrechts - noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll.

Bei Gesprächen in Berlin sprachen wir jeweils die Reform an.

Im Gespräch mit Thorsten Frei (stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Fraktion) sprachen wir auch die Notwendigkeit einer Reform des Kindesunterhaltsrechts an. Frei nannte als Maxime, Recht, insbesondere Familienrecht müsse immer von den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen ausgehen, nur dann werde es akzeptiert. In den meisten Familien arbeiten heute Vater und Mutter, meist weil ein Einkommen nicht ausreicht. Einig waren wir uns darin, dass der Grundsatz „Einer betreut, Einer bezahlt“ nicht mehr mit den sozialen familialen Gegebenheiten übereinstimmt, insofern ist eine Reform des Scheidungsrechts – Kindschaftsrechts und Unterhaltsrechts – notwendig.

Ein Gerechtigkeitsdefizit besteht insbesondere darin, dass ein Elternteil beispielsweise 30 Prozent der Betreuung leistet, aber dennoch 100 Prozent Unterhalt meist gemäß der Düsseldorfer Tabelle zahlen muss. Einig war man sich auch darin die Düsseldorfer Tabelle beizubehalten. Sie bietet Richtwerte, an denen sich Eltern orientieren können.

Von uns angesprochen wurde auch die Idee eines Kinderkontos. Darauf sollten beide Elternteile Zugriff haben. Auf dieses Kinderkonto sollte das Kindergeld und der jeweilige Unterhalts Betrag jedes Elternteils überwiesen werden. Von diesem Kinderkonto werden alle Kosten für das Kind abgebucht. Beide Elternteile haben Zugriff auf dieses Konto, somit werden die Kosten für das Kind transparent. Eine Reform des Scheidungsrechts sollte sich ebenso von der Maxime leiten lassen mehr Eigenverantwortung der Eltern fördern und entsprechend einfordern. Unbestritten ist, eigenverantwortlich getroffene Vereinbarungen werden mehr akzeptiert, tragen mehr zur Befriedung der Verhältnisse bei als Beschlüsse des Familiengerichts.

Josef Linsler